Partnerwahl mit Herz, Kopf und Netz

Carl Gustav Jung und das Online-Dating

 Partnerwahl als „Glücksspiel“

„Wie viele Frösche muss ich denn noch küssen?“ Mit dieser Frage sehen ich viele Singles konfrontiert, für die ihre Suche nach ihrem Traumprinzen oder ihrer Traumfrau dem mühsamen Aufspüren einer Stecknadel in einem Heuhaufen zu gleichen scheint. Ja, und auch wenn ein kleines interessantes Metallteilchen unter sehr viel „Schrott“ schließlich gefunden wird, zeigt der Kuss-Test nicht einmal gleich an, ob es sich tatsächlich um einen wirklichen Schatz handelt, der auch das halten wird, was er anfangs zu versprechen scheint.

Die Partnersuche und vor allem das Finden der oder des „Richtigen“ ähneln so einem Glücksspiel. Mit einer steigenden Zahl von Versuchen wächst zwar die Erfolgschance, aber eine Garantie scheint es nicht zu geben. Für den amerikanischen Eheberater Clark Warren lassen sich die notwendigen Einsätze in diesem Liebes-Roulette sogar berechnen. Seine Kalkulation ist dabei sehr einfach, denn nach seinen Erfahrungen hat ein durchschnittlicher Amerikaner in seinem Leben Dates mit rund 100 Personen. Daraus ergibt sich dann das wenig überzeugende Ergebnis, dass nur jede vierte daraus entstandene Ehe glücklich ist. Für diesen erstrebenswerten Erfolgsfall wären demnach im Durchschnitt Treffen mit 400 Personen erforderlich gewesen, also ein immenser Aufwand an Zeit, Geld, psychischer Energie und nicht zuletzt an einem fast unvorstellbaren Maß von Enttäuschungen.

In diesem Spiel mit dem fast unmöglichen Zufall scheint die Internet-Technologie die Gewinnaussichten erheblich zu verbessern. Als die Liebeskomödie "Email für dich" Ende 1998 auf die amerikanischen und Anfang 1999 auch die deutschen Kinoleinwände kam, bereitete sie den Durchbruch der sozialen Innovation „Online-Dating“ vor. Dieser Film führte die faszinierenden Möglichkeiten des Internets vor Augen, die in der Offline-Realität praktisch unmöglich scheinen; denn dank der Anonymität, die dieses neue Medium bietet, können sogar Menschen, die sich im realen Leben als harte berufliche Konkurrenten befeinden, zufällig im Cyberspace ihre innersten Gedanken austauschen und sich dadurch kennenlernen und in einander verlieben.

In einer Zeit, in der die traditionellen festen heterosexuellen Partnerbeziehungen als etablierte soziale Institutionen an Gewicht verlieren, sehen offensichtlich viele in dem neuen Wundermedium Internet den technischen Zauberstab, mit dem sich intime Bedürfnisse und Sehnsüchte per Mausklick schnell und unkompliziert erfüllen lassen. Immer mehr frustrierte Singles folgen daher Tom Hanks und Meg Ryan und setzen sich vor ihren Computer, um ihr Partnerglück zufinden. Damit hat das Online-Dating innerhalb von nicht einmal einer Handvoll von Jahren den üblichen Formen des Kennenlernens zumindest vieles von ihrem Reiz genommen. Nicht mehr Face-to-Face-Kontakte bereits im Sandkasten oder später am Arbeitsplatz, in Diskotheken oder im Freundes- und Bekanntenkreis führen vorrangig zum Wunschpartner, sondern eine Nachricht oder ein Profil im Internet.

Diese soziale Revolution von Datingmustern, die sich zuvor über Jahrhunderte hinweg vor allem auf einen sehr engen Personenkreis bezogen und vom Vertrauen auf einen glücklichen Zufall geprägt waren, fand fast explosionsartig innerhalb von nur zwei Jahren statt. Die Zahlen des größten Anbieters von Online-Dating-Dienstleistungen, der US-amerikanischen match.com, belegen diesen Trend sehr ein-drucksvoll. Während in den sechs Jahren zwischen seiner Gründung im April 1995 und Anfang 2001 nur insgesamt etwa eine Million neuer Mitglieder gewonnen wurden, erfolgte danach bis Ende 2002 ein kometenhafter Anstieg auf acht Millionen. Nachdem die Millionenschwelle erreicht war, löste diese kritische Masse an Teilnehmern offensichtlich eine Kettenreaktion aus. Die Medien wurden aufmerksam, die ersten Erfahrungsberichte erschienen auf dem Büchermarkt, der Film ließ die soziale Innovation jeden miterleben und das Online-Dating gewann so das Image einer modernen und erfolgreichen Form des Kennenlernens.

Das Internet-Dating etablierte sich somit rasch als Teil des heutigen sozialen Lebens. Das gelang offensichtlich, weil diese Angebote latenten Bedürfnissen der Individuen in einer Gesellschaft entsprechen, in der die traditionellen Beziehungsmuster immer mehr und mehr an Bedeutung verlieren. Der neue Weg über das Internet muss allerdings nicht nur als ein wenig attraktiver Lückenbüßer verstanden werden. Die über das Internet angebahnten Beziehungen versprechen vielmehr die Realisierung eines großen Traumes, den sicherlich mehr oder weniger ausgefeilt schon immer viele Menschen hatten, vor allem wenn sie gerade ohne Partner lebten oder sich in einem zermürbenden Partnerschaftskonflikt befanden.

„Sollte es nicht unter den vielen, vielen Menschen auf der Erde wenigsten einen geben, mit dem auch ich einmal glücklich werden kann?“, dürften sie sich gefragt haben. Dieser Wunschtraum glich über Jahrtausende der sprichwörtlichen Suche nach der besagten Stecknadel im Heuhaufen. Die Aufgabe schien praktisch unlösbar, wenn nicht ein gütiges Schicksal oder ein gnädiger Gott dem Träumer die Gunst eines wunderbaren Zufalls gewährten. Diese Situation hat sich jedoch im Zuge der technologischen Evolution grundlegend geändert.

Die Vernetzung der Menschen mit ihren PCs über das Internet und die Entwicklung leistungsstarker Suchmaschinen machen einen raschen Zugriff auf die Stecknadel praktisch möglich. Die Zeit des Hoffens auf die Wirkung magischer Riten oder Gebete, durch die einst das Partnerglück herbeigezaubert werden sollte, ist damit – zumindest rein technisch gesehen - vorüber. Aber es gibt ein neues Problem. Der Träumer muss seine Partnerschaftsfantasie operationalisieren, er muss seinen Traumpartner so klar definieren, dass diese Suchaufgabe in einen binären Code übersetzt und dann bearbeitet werden kann.

Damit stellt sich eine mentale Aufgabe, die bei den traditionellen Formen des Kennenlernens keine besondere Rolle spielte, da man sich sah und erlebte, wodurch eben unmittelbar ein romantisches Interesse entstand oder auch nicht. Für Becker, einen Leiter des mit ca. 11 Millionen Mitgliedern (Stand: 2011) größten deutschen Online-Dating-Agentur friendscout24.de, ist daher "die einzige Qual bei der Partnersuche ab jetzt die Qual der Wahl" In seiner Zukunftsversion soll sich dieser Trend sogar noch fortsetzen: "Die Leute werden sich künftig hauptsächlich online kennenlernen. Die Auswahl ist größer, die Kontaktaufnahme einfacher und die Trefferquote höher. Der Traumpartner findet sich so schneller und außerdem macht schon die Suche richtig Spaß".

Die Millionen von Profilen, die sich bei den großen Anbietern abrufen lassen und unter denen der potenzielle Wunschpartner gesucht wird, machen jetzt die Auswahl zum Problem, das eine Lösung verlangt.

Gegenwärtig lassen sich zwei Trends in der Entwicklung der Angebote erkennen. Zum einen gibt es technisch immer ausgefeiltere Techniken, mit denen das Internet-Dating durch den sehr raschen Austausch von Fotos, Videos, SMSs, MMSs, Telefongesprächen und Single-Partys dem Kennenlernen in der Offline-Realität mit ihren Blick- und Hörkontakten immer mehr angenähert wird. Ja, nach der Vorauswahl über die Profile mit Foto im Internet lässt sich ganz schnell ein zunächst anonymer Direktkontakt herstellen, der dann rasch zu einem realen Date führen kann, vielleicht sogar mit einem Partner, der nur ein paar Meter entfernt wohnt.

Zum anderen sollen psychologische Testangebote die Selektion des richtigen Partners erleichtern. Nicht der sinnliche Kontakt mit dem Äußeren eines potenziellen Partners, sondern die Sezierung seiner psychischen Persönlichkeit und die Suche nach dem - wissenschaftlich gesehen - besten Partner mit Hilfe eines mathematischen Algorithmus sollen bei dieser Strategie die Weichen für das zukünftige Lebensglück stellen.

Psychologische Matching-Angebote

Der bereits erwähnte US-amerikanische Eheberater und Bestsellerautor Clark Warren hat mit eharmony.com bereits August 2000 den ersten von einem Psychologen geführten Dating-Service im Internet gegründet, der ausschließlich nach den Prinzipien der Partnerkompatibilität arbeitet, die nach einem umfangreichen Katalog von Testfragen ermittelt wird. Ihre Auswahl stützt sich vor allem auf eine Autopsie von Scheidungen, durch die Clark Warren eine eindeutige Erfahrung gewonnen hat. Daher geht er besonders kritisch mit dem Schlagwort "Gegensätze ziehen sich an" ins Gericht, wenn er nach seinen Fallanalysen diese kurzfristige Aussage vervollständigt, und zwar mit dem Satz, "um sich anzugreifen, ja, zu strangulieren." So gibt es für ihn nur eine Aufgabe bei der Partnerwahl: Jeder muss einen Partner finden, der ihm sehr ähnlich ist, seinen Doppelgänger.

Und auch der Chemie oder Biologie mit ihrer sexuellen Attraktion vertraut Warren keinesfalls; denn für ihn verdampfen 75 bis 80% dieser chemischen Bindungskraft während der ersten sechs bis acht Monate, wenn eine Beziehung nicht durch eine tiefere und haltbarere Kompatibilität der Partner untermauert ist. Langfristige Partnerschaften erfordern für ihn folglich eine hohe Vereinbarkeit beider Partner, da sie der zentrale Schlüssel zum Liebesglück ist. Schließlich lautet seine Grundüberzeugung: Die Auswahl eines Partners ist für die Qualität einer Beziehung wichtiger als alles, was man während der Beziehung selbst unternimmt.

Warrens Leitgedanke, der das neue Geschäftsmodell der Internet-Dating-Agenturen mit Hilfe psychologischer Partnerschaftstests begründete, besteht daher in der Substitution der Chemie, die   „stimmen muss“, durch die Psychologie, die kompatible Partner ausweist.

Grundlage des Eingangstests von eharmony.com sind 250 Merkmale, die über das Internet erhoben werden. Daraus leitet die Software dann 50 wichtige Ähnlichkeitsbereiche ab, von denen zumindest gut 30 Bereiche sehr ähnlich sein sollten, damit später nur wenige offene Fragen geklärt und in Kompromissen entschieden werden müssen. Konflikte und Frustrationen sollen zudem durch einen ganz konkreten Katalog von jeweils zehn Eigenschaften vermieden werden, die man von einem Partner auf alle Fälle erwartet oder bei ihm keinesfalls ertragen kann. Von jedem Interessenten an seinem Online-Angebot erwartet Clark Warren daher zunächst die Aufstellung eines "Einkaufszettels", auf dem jeder seine unverzichtbaren Muss-Erwartungen und absoluten Vetofaktoren notiert. Auf diese Weise sollen sich die langen Streitigkeiten zwischen Frühaufstehern und Morgenmuffeln oder die zermürbenden ewigen Diskussionen über falsch ausgedrückte Zahnpastatuben oder offene Toilettendeckel vermeiden lassen.

Ähnlichkeit ist jedoch nicht alles; denn Warren sieht daneben eine Reihe von Persönlichkeitsmerkmalen, die eine Beziehungsfähigkeit generell in Frage stellen. Daher werden - was sicherlich nicht gerade den Umsatz und damit den Gewinn seines Unternehmens fördert - etwa 20% der Interessenten abschlägig beschieden. Das geschieht mit Hilfe eines ausführlichen eingebauten Lügentests und von Fragen zur emotionalen Gesundheit, indem sehr egoistische und generell unzufriedene Interessenten ausgefiltert werden. Neurotiker, Depressive, Nörgler, Lügner und Egoisten erhalten so die rote Karte auf dem Weg zum Partnerglück.

Wer den Test seiner generellen Beziehungsfähigkeit absolviert hat, darf dann auf ein garantiertes, schnelles Partnerglück hoffen. Unter Anleitung seiner "Agentur für den Aufbau von Beziehungen", wie Clark Warren sein Internet-Angebot selbst versteht, gilt es dann nur noch, gemeinsame Interessen und vor allem die Attraktionschemie in der Realität zu testen. 

Seit 2003 kann eharmony sogar von einem empirisch belegbaren Erfolg berichten; denn dem Online-Dating-Service ist es nicht nur gelungen, Ehen zu vermitteln, sondern auch nachzuweisen, dass sich diese durch einen psychologischen Online-Test generierten Ehen verglichen mit traditionell entstandenen als besser erwiesen haben. So sind nach einer Kontrolluntersuchung die Partner von eharmony-Ehen erheblich stärker von der Qualität ihrer Beziehung überzeugt, mit ihrer Ehe zufriedener und sind sich auch erheblich seltener gegenseitig auf die Nerven gegangen. Es kann daher nicht überraschen, dass nur in 14% dieser Ehen während der untersuchten ersten beiden Jahre über eine Scheidung gesprochen wurde, während es in den traditionell entstandenen Ehen immerhin mit 42% fast die Hälfte war.

Der Gedanke, psychologische Tests über das Internet einzusetzen, um geeignete Partner zusammenzuführen, war mit eharmony erstmals realisiert. In den folgenden Monaten wurde diese Idee einer Verbindung der psychologischen Ehe- und Partnerschaftsforschung mit den prinzipiell unbegrenzt scheinenden Selektionsmöglichkeiten im Internet von der Konkurrenz aufgegriffen, und zwar auch in Deutschland. Mit parship.de, das ab Februar 2001 ins Internet ging, wurde ganz entsprechend dem Konzept von eharmony.com in den USA ein Anbieter speziell mit einem psychologischen Konzept gegründet. Auch hier steht ein Persönlichkeitstest im Mittelpunkt der Online-Dating-Dienstleistungen, der diejenigen Mitglieder ermitteln soll, die „nach statistischen Wahrscheinlichkeiten am besten zu einander passen“. Die Testkonstruktion von parship beruft sich zum großen Teil auf die Jungsche Persönlichkeitstypologie. 

Diese komplexen Tests und Auswertungsregeln, deren exakte Regeln die Autoren wie die Cocacola-Rezeptur geheim halten und teilweise sogar patentieren ließen, versprechen somit nicht nur eine Hilfe bei der ersten Auswahl potenzieller Partner, sondern auch ein späteres langfristiges Partnerglück.

Partnerwahl und -stabilität bei C.G. Jung

Der Psychologe, auf den sich viele Online-Tests berufen, ist C.G. Jung, was nicht überraschen muss; denn offensichtlich haben gerade Partnerbeziehungen und -konflikte sein Interesse auf die unterschiedlichen Persönlichkeitstypen gelenkt. So schrieb er bereits 1913, also fast ein Jahrzehnt vor der Veröffentlichung seiner „Psychologischen Typen“ im Jahr 1921, einen Aufsatz zu dieser Thematik. Und auch in seinen rückblickenden Gesprächen über sein Lebenswerk, die er mit Evans führte, hat er seine Intentionen gerade auf diesem Gebiet nochmals hervorgehoben.

Für Jung hatte die Persönlichkeitstypologie einen teilweise biografischen Hintergrund, da während seiner ärztlichen Hausbesuche  von ihm häurfig auch eine außermedizinische Tätigkeit als Eheberater gefordert war, wenn er unzufriedenen Ehepartnern immer wieder die unterschiedliche Natur des jeweils anderen Ehepartners erläutern musste. So sieht er seine "ganze Typenlehre" im Rückblick auch als "eine Art Orientierungsmittel: da gibt es solch einen Faktor wie die Introversion und einen solchen wie die Extraversion. Es ist nur ein Werkzeug – ich nenne es "praktische Psychologie" -, um zum Beispiel einer Frau ihren Ehemann und einem Mann seine Ehefrau zu erklären"(Evans, S. 79).

Aus diesen konkreten Beobachtungen und seiner kreativen Intuition hat Jung dann nach und nach seine Typologie entwickelt, indem er zunächst zwischen aktiven und passiven, dann zwischen bedenkenden und unbedenklichen Naturen unterschied, um schließlich seine Typologie aus der Kombination der beiden Einstellungen „extravertiert“ und „introvertiert“ mit den vier Urteilsfunktionen oder Einzelaspekten des „totalen menschlichen Orientierungsvermögens“ „Empfindung, Denken, Gefühl und Intuition“ zu entwickeln.

Vollständige Menschen besitzen alle Funktionen, die allerdings nicht gleichwertig ausgeprägt sind. Vielmehr erfolgt eine Konzentration auf eine Hauptfunktion, während die anderen nur rudimentär entwickelt werden, ja, häufig als Bedrohung der dominanten Funktion auftreten, sodass Verdrängungen und Abschottungstendenzen nicht selten sind.

Wie aufgrund dieser intuitiven und fragmentarischen Entwicklung seines Persönlichkeitskonzepts zu erwarten, stellte Jung über mögliche Partnerkonflikte der Typen nur einige rudimentäre Überlegungen an. Das gilt einerseits für die prinzipiell möglich erscheinende Ergänzung unterschiedlich stark ausgeprägter Funktionen der beiden Partner eines Paares, das damit insgesamt über vollwertige Funktionen verfügt, andererseis aber auch für viele empirisch beobachtbare Konfliktbereiche. So sind für Jung etwa die beiden Einstellungstypen Extraversion und Introversion "für eine Symbiose. . wie geschaffen"; denn "der eine besorgt die Überlegung und der andere die Initiative und das praktische Handeln. Wenn sich die beiden Typen heiraten, so können sie zusammen eine ideale Ehe zustande bringen." (Jung 1948, S. 100)

Allerdings schränkt er dieses Lob der Komplementarität sogleich wieder ein, weil die Vorteile von den Betroffenen meist nur in Zeiten der Not gern gesehen werden. Probleme treten für Jung auf, wenn ein Glücksfall wie eine Erbschaft das heterogene Paar "trifft". "Vorher standen sie Rücken an Rücken und wehrten sich gegen die Not. Jetzt aber wenden sie sich einander zu und wollen sich verstehen –  und entdecken, dass sie sich nie verstanden haben." (Ebenda) Daraus folgt dann ein intensiver Konflikt, über den Jung feststellt: "Dieser Streit ist giftig, gewalttätig und voll gegenseitiger Entwertung, auch wenn er ganz leise im Allerintimsten geführt wird"(Ebenda).

Für Jung kann sich dieser Ehekrieg, der letzthin auf die unterschiedliche Typzugehörigkeit der Partner zurückzuführen ist, sogar noch verschärfen, wenn auch die Urteilfunktionen differieren, wie etwa beim Empfindungs- und Intuitionstyp. Da nach seinem Urteil der extravertierte Empfindungstyp von einer inneren Erfahrung am weitesten entfernt ist, richtet er sich nach Tatsachen, die für Intuitive die "Hölle" (Evans, S.89) sind. In einer Ehe hat diese Kombination für Jung deshalb ein gravierendes Konfliktpotenzial. "Wenn diese beide – die extravertierte Empfindung und die introvertierte Intuition - eine Ehe schließen, dann gibt es Kummer, das kann ich Ihnen versichern."(Ebenda)

Die Jung-Tradition sieht folglich in der Verbindung unterschiedlicher Typen vor allem ein großes Problem für die Eheberatung, da man von einer ausgesprochene Neigung ausgeht, den entgegengesetzten Typus zu heiraten. Die Gegensätze, die sich offenbar zunächst anziehen, entwerten jedoch später jeweils die Vorzüge des anderen, weil die Partner "das Negative statt des Positiven" sehen, was zu endlosen Missverständnissen führt (Fordham, S. 30). Jeder Partner in einer nach der Typzugehörigkeit heterogenen Beziehung „spricht eine andere Sprache und die Werte des einen sind für den anderen gerade die Verneinung der Werte“ (Jung 1948, S. 100), sodass die Partner gegenseitig ihre Interessen oder die Interesselosigkeit und auch ihre Freunde“(Fordham, S.36) kritisieren. Jeder „fühlt sich missverstanden und bemitleidet sich schließlich selbst, oder man sieht sich nach jemandem um, der einen besser versteht, und das notwendige Mitgefühl hat oder es wenigstens zu haben scheint." (Ebenda)

Die Ergänzung durch einen Partner, der gerade die bei einem selbst nur rudimentäre Persönlichkeitsmerkmale voll entwickelt hat, wird daher als zwar gut zur "Anpassung an Lebensnotwendigkeiten" beurteilt, wirft aber Probleme beim Verständnis und bei der Kameradschaft auf. (Ebenda) Für dieses psychologische Folgeproblem der Partnerwahl empfiehlt Fordham eine intensive Aufklärung über die Unterschiede und ihre Vorteile, die "in vielen Fällen nur durch psychologische, objektive Hilfe erreichbar" (Ebenda, S.37) ist.

Aber nicht nur in der Verbindung unterschiedlicher Typen sieht Jung Probleme, sondern auch bei der Beziehungsfähigkeit einiger Typen ganz generell, vor allem weil bei ihnen Kompetenzen und Handlungsorientierungen unterentwickelt sind, die erst eine stabile Partnerschaft ermöglichen. Gerade in einigen Randbemerkungen weist er immer wieder auf diese besonderen Schwierigkeiten hin. So besitzt etwa der introvertierte Fühltyp, der für Jung meist durch Frauen repräsentiert wird, eine "mörderische Kälte" (Jung 1921, S.558), die jede Emotion erstickt. Auf der Seite des männlichen Geschlechts konstatiert er bei introvertierten Denktypen wie etwa dem deutschen Philosophen Kant Selbstschutzmaßnahmen zur Abwehr "magischer" Einwirkungen und daher z.B. Angst vor dem weiblichen Geschlecht (Jung 1971, S. 406f.).

Nur eine geringe Bindungsfähigkeit sieht Jung auch beim extravertierten Empfindungstyp, der als Genussmensch seine Liebe auf die sinnfälligen Reize der Objekte bezieht, und beim extravertierten intuitive Typ, der “immer auf der Suche nach neuen Möglichkeiten“ ist und „dann, wenn er fündig geworden ist, zunächst voller Enthusiasmus“ scheint, aber „nach einem kurzen Strohfeuer wird die Beziehung ohne jede Pietät aufgegeben.“ „Sie sind unmoralische und rücksichtslose Abenteurer“, die als Frauen "Männer mit Möglichkeiten" suchen, um für neue Möglichkeiten wieder alles aufzugeben. (Ebenda, S. 401)

Mehr Beständigkeit sieht Jung beim introvertierter Fühltyp, dem er „eine gewisse geheimnisvolle Macht“ zuschreibt, "welche namentlich den extravertierten Mann in höchstem Maße faszinieren kann, weil sie sein Unbewusstes berührt." (Ebenda, S. 425) Die wenigsten Probleme findet Jung jedoch offensichtlich beim weiblichen Fühltyp; denn diese Frau liebt den "passenden" Mann, „nicht etwa, weil er dem subjektiven verborgenen Wesen der Frau durchaus zusagte – das weiß sie meistens gar nicht -, sondern weil er in punkto Stand, Alter, Vermögen, Größe und Respektabilität seiner Familie allen vernünftigen Anforderungen entspricht“ (Jung 1921, S.512)

Wie Jung betont, ist das keineswegs ironisch oder satirisch zu verstehen, da er der „vollen Überzeugung“ ist, dass das Liebesgefühl dieser Frau ihrer Wahl auch vollkommen entspricht. Es ist echt und nicht etwa vernünftige Mache. Diese "vernünftigen" Ehen gibt es unzählige, und „es sind keineswegs die schlechtesten. Solche Frauen sind gute Gefährtinnen ihrer Männer und gut Mütter, solange ihre Männer oder Kinder die landesübliche Konstitution besitzen“(Ebenda, S.512).

Eine frühe Systematisierung dieser Jungschen Anmerkungen versuchte Plattner, der dank seiner „sorgfältigen Beobachtung sehr zahlreicher Ehepaare“ glaubt, mit Hilfe der Jungschen Typen ein Bindungsgesetz für romantische Beziehungen und Ehen entdeckt zu haben, das er ganz in der Tradition von Goethes Roman "Die Wahlverwandtschaften" sieht. Danach besteht ein "Ergänzungsbestreben", indem Extravertierte Introvertierte suchen. Dieses Komplementaritätsprinzip gilt auch für die vier Jungschen Funktionstypen, wobei hier die Partner jeweils verschiedene Pole der rationalen bzw. irrationalen "Achse" darstellen, sich also Denk- und Fühltyp oder Empfindungs- und Intuitionstyp verbinden.

Aus den acht menschlichen "Typ-Elementen" bilden sich so vorrangig nur jeweils zwei rationale und irrationale Partnerschaftstypen, denn durch die typspezifische Bindungsgesetzmäßigkeit ist der jeweilige Partner quasi vorgegeben, weil ein extravertierter Fühltyp beispielsweise in der Regel einen introvertierten Denktyp als Partner wählen wird und nicht etwa einen extravertierten Fühl-, Empfindungs- oder Intuitionstypen.

Diese natürliche Wahlverwandtschaft der menschlichen Typen führt nach dem Urteil Plattners allerdings nicht zwangsläufig zu besonders harmonischen Beziehungen. Die Entdeckung des Bindungsgesetzes kann für ihn vielmehr dabei helfen, die typischen Muster der Partnerschaftskonflikte herauszuarbeiten und damit Beratungsangebote zu entwickeln. Schließlich ist die Zahl der Konstellationen kaum begrenzt, da man es mit den Gegensätzen und Verständnisproblemen von Extravertierten und Introvertierten, Denk- und Fühl- sowie Empfindungs- und Intuitionstypen zu tun hat.

Charakteristika ergeben sich dabei jeweils aus der jeweiligen Kombination des Funktionstyps mit der extravertierten oder introvertierten Orientierung. "Je extremer ein Mensch extravertiert ist, um so stärker neigt er erfahrungsgemäß dazu, einen extrem introvertierten Menschen zum Partner zu wählen. Es ist, als ob durch diese Ergänzungstendenz die Natur beständig bestrebt wäre, Extremformen auszuschalten und durch eine Vermischung der Extreme die Art immer wieder auf die Mittellinie zurückzuführen."(Plattner, S. 24)

Immerhin sollen nach seinem Urteil 70% aller Ehen so genannte "Kontrast-Ehen" sein, d.h. Ehen, in denen die Ehegatten sowohl auf körperlichem wie auch auf seelischem Gebiet in wichtigen Punkten kontrastieren. (Ebenda, S. 13) Allerdings sind diese Beziehungen immer durch die abweichenden Bedürfnisse und Sichtweisen der Partner belastet. So mag etwa ein Introvertierter einen romantischen Abend im Restaurant und Theater bevorzugen, während der Extravertierte eine ausgelassene Party liebt. Eine Lösung, die keine Trennung ist, verlangt hier sehr viel Kompromissbereitschaft, denn die Belohnungen und Bestrafungen für die beiden so verschiedenen Psychen bewegen sich eben nicht im Gleichklang, sondern verhalten sich konträr. Der eine freut sind, während der andere leidet und umgekehrt.

Die Verbindung von Gegensätzen mag so zwar zunächst einen gewissen Reiz besitzen, führt aber längerfristig nur zu guten Geschäften für Eheberater und Scheidungsanwälte. Danach findet man zwar in der Phase des Kennenlernens ein "Ergänzungsbestreben", indem Extravertierte Introvertierte suchen. Dieses Komplementaritätsprinzip gilt auch für die vier Jungschen Funktionstypen, wobei hier die Partner jeweils verschiedene Pole der rationalen bzw. irrationalen "Achse" darstellen, sich also Denk- und Fühltyp oder Empfindungs- und Intuitionstyp verbinden.

Von Persönlichkeitstypen zu Liebestypen

Die Jungsche Typologie ist vor allem in den USA sehr populär geworden, wo sich zwei Frauen, Katharine Briggs und ihre Tochter Isabel Briggs Myers, mit der Typisierung ihrer Mitmenschen und nicht zuletzt eines möglichen Schwiegersohns beschäftigten. Zunächst fehlte ihnen ein schlüssiges Konzept, bis ihnen der Zufall zur Hilfe kam. Katharine Briggs entdeckte das Typenbuch des Schweizer Psychoanalytikers und kommentierte ihren Fund gegenüber ihrer Tochter mit den Worten: "Das ist es!" Mit Jung im Kopf beobachteten die beiden dann weitere zwanzig Jahre menschliche Typen.                          

Um die Jungschen Begriffe einfach messen zu können, tüftelten sie ein System von Merkmalen und Einzelfragen aus, das die Jungschen Typen empirisch erfassbar und nachweisbar machen sollte. Sie betrachteten dabei jeweils zwei Bewusstseinsfunktionen als dichotom und führten eine vierte Dimension ein, um die Unterscheidung von Haupt- und Hilfsfunktionen empirisch in den Griff zu bekommen. Neben Extraversion (E) – Introversion (I), Denken (Thinking – T) – Fühlen (Feeling – F) und sinnliches Wahrnehmen (Sensing – S) – Intuieren (Intuition -  N) führten sie so das Gegensatzpaar Urteilen (Judging – J) - unreflektiertes Empfinden (Perceiving – P) ein. 1962 war dann ihr Test ausgereift und wurde als Myers-Briggs Typen-Indikator (MBTI) bekannt.       

Die konkrete Arbeit des Mutter-Tochter-Teams bestand darin, für die vier Dimension einzelne Aussagen zu finden, um sie zu messen und dann auf diese Grundlage die befragten Individuen einzuordnen. Eine wichtige Fundstelle für ihre einzelnen Fragen war dabei neben ihren Primärerfahrungen die Lektüre des Jungschen Typenbuches.

 1) Die Dimension Extraversion (E) - Introversion (I) bezogen sie auf die Quelle von Energie, Motivation und Inspiration, die entweder von außen oder von innen kommen kann.

2) Die Unterscheidung zwischen sinnlicher Wahrnehmung oder Empfinden, wie es bei Jung heißt (Sensoring (S)), und Intuition (N) zielt auf die Art, wie ein Mensch die Wirklichkeit wahrnimmt. Ein S-Typ achtet so vor allem auf die Fakten, Details und Realitäten des Hier und Jetzt, während sich der Intuitive mehr auf die Verbindungen zwischen den Fakten und auf die Vorstellungen und Ideen konzentriert, die mit der Information assoziiert werden können.

3) Die Dichotomie Denken (Thinking (T)) versus Fühlen (Feeling (F)) meint die Form der Entscheidungsfindung. Während der Denktyp auf der Grundlage von Fakten logisch zu entscheiden und zu handeln versucht, treffen Gefühlsmenschen ihre Entscheidungen hauptsächlich mit Hilfe emotionaler Eindrücke, nach denen sie zwischen richtig und falsch unterscheiden. Mit diesem differierenden Entscheidungsverhalten sind weitere psychische Merkmale gekoppelt. So erscheinen rationale Menschen eher ruhig, analytisch und überzeugt von logischer Argumentation, während Gefühlsmenschen eher sensibel und mitfühlend sind und sich von situativen Stimmungen beeinflussen lassen.   

 4) Die vierte Dimension Urteilen (Judging (J)) - unreflektiertes Empfinden oder Wahrnehmung, wie der Begriff auch verallgemeinernd übersetzt wird - (Perceiving (P)) erfasst die Entscheidungssituationen, in denen sich jemand besonders wohl fühlt. Dabei bevorzugen urteilende Personen eine strukturierte, vorhersagbare Umgebung, in der sie alles unter Kontrolle haben und ihr Handeln planen können. Unreflektiert empfindenden Personen gefällt hingegen eine flexible, offene Umgebung besser, in der sie auf unerwartete Ereignisse und Möglichkeiten spontan reagieren können. Auch in diesem Fall besteht eine Verbindung mit anderen Persönlichkeitsmerkmalen; denn beurteilende Menschen verhalten sich vorsichtiger und teilweise gehemmter, während die empfindenden spontaner und manchmal sorglos handeln.  

Dank dieses Tests kann jeder Mensch nicht nur physikalisch durch Größe und Gewicht oder Ober-, Taillen- und Hüftweite kennzeichnen. Vielmehr lässt er sich auch psychologisch genau erfassen. Die Messung wird allerdings nicht durch Zahlen, sondern durch eine vierstellige Buchstabenkombination übermittelt, wobei die Buchstaben jeweils den höchsten Messwert anzeigen. Ein ENTP ist so ein extrovertierter, unreflektiert empfindender Mensch, der die Umwelt intuitiv wahrnimmt und logisch entscheidet.    

Die Auswahl der richtigen Temperamente und Liebestypen

Dieses Testverfahren des MBTI, mit dem inzwischen auch einige Nachahmerprodukte und Kurzfassungen wie der Keirsey-Temperament-Sorter konkurrieren, hat sich zu einem äußerst beliebten Persönlichkeitstest entwickelt. So unterziehen sich in der USA etwa zwei Millionen Menschen jährlich diesem Verfahren. Zur Popularität haben vor auch eine Veröffentlichung und eine vereinfachte Testversion durch David Keirsey beigetragen, die jeder interessierte Laie anwenden kann. Schließlich enthält sein Buch „Please Understand Me“ für jeden Typ eine Beschreibung, die sowohl der Selbsterkenntnis dienen kann als auch zahlreiche Hinweise zur eigenen Entwicklung gibt.

Für die Partnerwahl ist die Typbestimmung jedoch nur ein erster Schritt. Entscheidender ist eine fundierte Antwort auf die Frage: Wer passt zu wem?“ und noch konkreter: „Was für einen Typ muss ich für mich suchen?“

Auch Isabel Briggs Myers fand auf diese Fragen – ähnlich wie schon Jung – nur eine recht vorläufige Antwort. Sie untersuchte die Typzugehörigkeit von 375 Ehepaaren und ermittelte eine überdurchschnittlich häufige Entsprechung bei Sinnlicher Wahrnehmung (S) und Intuition (N). Den Grund für eine Übereinstimmung gerade in dieser Dimension sah sie darin, dass sich in diesem Fall die beiden Partner besonders gut gegenseitig verstehen können, weil sie die Dinge einfach in gleicher Weise wahrnehmen. Aber auch insgesamt fand sie einen allerdings schwachen Trend zur Ähnlichkeit; denn 77% aller Partner stimmten zumindest in zwei Merkmalen überein, während es bei einer rein zufälligen Verteilung nur 69% gewesen wären

Keirsey hat diese ersten Gedanken über eine Verbindung der "richtigen“ Typen weitergeführt. Dabei konzentrierte er sich ganz wie Isabel Briggs Myers auf die Dimension S-N. Allerdings differenziert er diese Dimension weiter, und zwar für beide Wahrnehmungsfunktionen in unterschiedlicher Weise. So werden die Intuitiven nach einer ausgeprägten Denk- oder Fühlfunktion weiter unterschieden und die sinnlich Wahrnehmenden nach ihrer Urteils- bzw. Empfindungsfunktion. Keirsey spricht daher von vier Temperamenten, für die er eigenständige Bezeichnungen einführt, die das jeweils besonders Charakteristische hervorheben sollen. Die bloße Aneinanderreihung von zwei Buchstaben gewinnt so an Farbe, indem er die jeweiligen Typen als Kunsthandwerker (artisans für SP); Beschützer (guardians für SJ), Rationale (rationals für NT) und Idealisten (idealists für NF) benennt und ihnen damit eine anschaulichere Bedeutung gibt.

Gute Kombinationen der Typen in Lebenspartnerschaften sieht Keirsey in der Verbindung von kleinen Gegensätzen, indem für ihn Beziehungen zwischen Beschützern (SJ) und Kunsthandwerkern (SP) sowie zwischen Rationalen (NT) und Idealisten (NF) die besten Paare ergeben. Als Begründung greift er dabei auf seine eigenen Beobachtungen zurück So hat er festgestellt, dass sogar nach dem Scheitern einer Beziehung die jeweiligen Partner wieder sehr stark zu einem neuen Partner tendieren, der dasselbe Temperament wie der alte besitzt. Es werden also nur die Vertreter ein und desselben Temperaments ausgetauscht, während die psychische Präferenz erhalten bleibt. So gibt es für ihn zwar keine richtigen oder falschen Verbindungen von Typen, aber doch deutliche empirische Regelmäßigkeiten mit wahrgenommenen Vorzügen gegenüber anderen Kombinationen.

Noch mutigere Partnerempfehlungen gibt der Psychologe Alexander Avila, der mit einem System von Liebestypen, die sogar als LoveTypes ein eingetragenes und damit geschütztes Warenzeichen sind, eine Dating-Revolution verspricht, denn immerhin soll sich auf diese Weise für jeden der wahre Seelenverwandte sofort erkennen lassen, wenn man ihn denn getroffen hat. Man muss nur seinen eigenen MBTI-Typ sowie den des Dating-Partners bestimmen und kann dann nachschlagen, ob sich ein weiteres Date lohnt oder nur zur Verliebtheit in einen Falschen führen kann.

Auch bei ihm steht - ganz wie bei Keirsey - die Frage des gegenseitigen Verstehens im Vordergrund, da für jeden der sechszehn Typen Liebe eine andere Bedeutung hat. Ein gegenseitiger Vorwurf, wie "Du liebst mich gar nicht", kann daher schlicht und einfach ein für unterschiedliche Typen fast zwangsläufiges Missverständnis sein; denn während ein INFJ sich in Gemüt, Herz und Seele von Liebe durchdrungen fühlt, möchte sie ein ISTP im Handeln erleben. Für einen ISFJ ist die Liebe, ganz unhinterfragt, ein Wert, für den es sich zu opfern lohnt. Demgegenüber sieht sie ein INTJ als Objekt, das er analysieren und verbessern möchte.    

Ohne die Übersetzungshilfen von Avila treten so erhebliche Verständigungsprobleme auf. Nicht nur Frauen und Männer sprechen eine unterschiedliche Liebessprache, sondern eben auch die Typen, sodass leicht Unverständnis die Folge sein kann. Daher votiert Avila mit einigen Abweichungen, die ein sehr kompliziertes Empfehlungsschema ergeben, im Prinzip für Partnerschaften zwischen Angehörigen desselben Typs. 

Durch die Wahl des Duals zum Partnerglück: die Sozionik

Die Typologie nach den vier letzthin auf Jung zurückgeführten Persönlichkeitsdimensionen fand jedoch nicht nur in den USA schnell zahlreiche Anhänger, sondern auch in dem damaligen politischen Gegenpol, der Sowjetunion, wo sich angeregt durch die Arbeiten der Litauerin Aushra Augustinavichute seit 1970 ebenfalls eine an Jung orientierte Persönlichkeitstheorie entwickelte, die sogenannte Sozionik. Diese „Wissenschaft der Gesetze menschlicher Kompatibilitäten“ (vgl. Lytov), wie sich die Sozionik selbst versteht, stellte der staatlichen marxistischen Psychologie die damals ketzerische Aussage entgegen, dass nicht die Klasse und Erziehung die Menschen und damit ihre Beziehungen formen, sondern eben auch und vor allem genetisch bedingte psychische Unterschiede.

Auch wenn es wegen der unabhängigen Entwicklung eine Reihe von Unterschieden zwischen den amerikanischen und sozionischen Typologien gibt, lassen sie sich fast so leicht transkribieren wie kyrillische und lateinische Buchstaben. Terminologisch ist dabei vor allem zu beachten, dass in der Sozionik die F-T-Dimension mit ethisch-logisch bezeichnet wird und für die J-P-Dimension wieder die Jungschen Begriffe rational (j) und irrational (p) benutzt werden. (Vgl.Gulenko) 

Die Sozionik betrachtet vorrangig die Leistungsfähigkeit einer Paarbeziehung und gelangt dabei zu einem Votum für eine Ergänzung durch Unterschiede, die Dualität, wie sie es nennt. Diese Typkombination ist jeweils durch eine Entsprechung in der rationalen bzw. irrationalen Dimension sowie Unterschiede in den drei anderen Dichotomien gekennzeichnet. Wenn die Form der bevorzugten Lebens- und Entscheidungsorganisation gleich ist, also beide Partner sich entweder in einer mehr geplanten und strukturierten oder einer spontanen und offenen Situation besonders wohl fühlen, stellen für die Sozioniker Extraversion und Introversion, Intuition und kognitive Wahrnehmung sowie Denken und Fühlen ideale Ergänzungen dar.

 Auf der abstrakten Ebene ist das sicherlich sehr einleuchtend: das Paar kann beide Energiequellen ausschöpfen, bezieht mehr Informationen und gelangt zu einer breiteren Basis der Entscheidungsfindung, wenn etwa rationales Denken und humanes Fühlen sich ergänzen. 

Diese Vorstellung von der Beziehung zweier Menschen als einheitliches System ist daher auch recht alt, denn den Jungsche Gedanken der fehlenden Vollständigkeit kannte schon die Antike mit ihrer Sage von einem ursprünglichen Menschen, der aus einer Einheit von Mann und Frau bestand. Diesen mythologischen Kugelmenschen lässt der griechische Philosoph Platon durch den Komödiendichter Aristophanes in seinem philosophischen Diskurs 'Symposium' beschreiben. Danach gab es ursprünglich Kugelwesen aus jeweils zwei Menschen, die sich so stark und kräftig fühlten, dass sie sogar die Götter herausforderten. Um sie zu schwächen, schnitt sie Zeus daher in zwei Hälften, und von ihrer ursprünglichen Ganzheit blieb nur die Sehnsucht nach der Wiedervereinigung mit der anderen Hälfte.

Die Logik der Sozionik kann so auf den ersten Blick jeden Partnerschaftstheoretiker überzeugen. Folgt man Jung mit seiner Annahme der beiden Einstellungstypen und der vier Funktonen des Bewusstseins, hat eine Ergänzung von Unterschieden ihren ganz besonderen Reiz. Der Einzelnen wird wirklich mehr, aus einer Hälfte kann ein Ganzes werden, ganz wie es Platon in seinem Mythos vom Kugelmenschen als Sehnsucht des menschlichen Liebesverlangens beschrieben hat. Auf diese Weise scheint ein Paar nicht nur durch die Addition von zwei Gehirnen, vier Augen und vier Händen eine mechanische Verdoppelung seiner Fähigkeiten zu erreichen, sondern noch durch die Vervollständigung eine zusätzliche Qualität des Denkens und Handelns zu gewinnen.

Die Sozioniker sehen daher für ihre Partnerschaftsempfehlung auch nur eine große Schwäche: Am Anfang klappt die Verständigung nicht gerade besonders, da die Chancen zur gegenseitigen Unterstützung erst im Zeitablauf deutlich werden. Das zentrale Problem bleibt jedoch die Suche nach einer relativ konfliktfreien Ergänzung. Das theoretische Potenzial der Persönlichkeitsqualitäten kollidiert in der Praxis mit der schon von Jung gesehenen Verständnislosigkeit der Partner, die für die Partnerschaft zu Kräfte aufzehrenden Konflikten und nicht zu Synergien führt.

Diesen Circulus vitiosus versucht die Sozionik durch eine besondere Kombination von Komplementarität und Homogenität zu lösen. Den Katalysator, der zur Nutzung des Potenzials führt, das in der Verbindung von Stärken und Schwächen beider Partner steckt, sieht sie in der rationalen bzw. irrationalen Orientierung der Partner, die entweder beide langfristig-planerisch oder kurzfristig-spontan handeln. Der ersehnte Kugelmensch kann sich danach in der Partnerschaftsrealität nur wiederfinden, wenn nicht einer der Partner in den Tag hinein leben will, während der andere sein Leben nach Zielen gestalten möchte.

Die Problematik einer Beziehung zwischen planend-urteilenden und spontan-wahrnehmenden Persönlichkeiten lässt sich an der Fabel "Die Ameise und die Grille" des antiken Dichters Äsop illustrieren. Darin schildert der Autor ein winterliches Gespräch zwischen den beiden Insekten, das sich auf die unterschiedliche Lebensweise der beiden Arten bezieht. Die Ameise hat während der Vegetationsperiode einen Nahrungsvorrat angelegt, während die Grille den Sommer genossen hat, ohne für den kommenden Winter vorzusorgen. Dabei macht die Ameise die hungernde Grille für ihr Schicksal verantwortlich und gibt ihr daher nichts von ihrem mühsam eingesammelten Vorrat ab. Beide Arten "verstehen" sich also nicht und gelangen auch nicht zu einer Kooperation. 

Allerdings ist der platonische Mythos ja nur ein Bild, und ein Blick auf die realen Auswirkungen kann für die Beteiligten im Detail sehr ernüchternd ausfallen. So empfiehlt die Sozionik nach diesem Dualitätsprinzip beispielsweise die Partnerschaft und Ehe zwischen einer feinfühligen Lyrikerin und einem grobschlächtigen Militär, sicherlich eine Verbindung, die jeden Romanautor reizt, der einen langen Ehekrieg und die Gefühle unverstandener Frauen thematisieren will.

Die an Liebesvorstellungen nach dem Rezept von Hollywood-Filmen orientierte westliche Welt ging daher andere Wege auf der Suche nach Empfehlungen für die Partnerwahl. Hier war und ist das gegenseitige Verständnis Trumpf; denn gerade die Begegnung mit einem Fremden kann, wie sie Frank Sinatra in "Strangers in the night" besingt, eine faszinierende Wirkung auf die Beteiligten ausüben, wenn sie entdecken, dass sie einander vollkommen verstehen. Dasselbe gilt für die Erfahrung von Partnern, die wortlos kommunizieren können, einfach weil sie ähnlich empfinden und denken.  

Partnertypen im empirischen Test

Doch alle diese Überlegungen sind weitestgehend graue Theorie, eben an Schreibtischen erdacht und vielleicht hier und dort mit einigen Farbklecksen aus der Beratungspraxis ergänzt. Wie sieht jedoch die Lebenswirklichkeit jenseits der Scheuklappen aus, mit der die Parteigänger einzelner Konzepte ihre Umgebung wahrnehmen? Zwei allerding bereits ältere empirische Untersuchungen, die mit Typisierungen nach dem MBTI arbeiten, sind dieser Frage nachgegangen.

Jung und zahlreiche seiner Schüler und Anhänger unterstellen eine Tendenz zu Kontrastbeziehungen und beziehen damit gegen die vor allem von Evolutionsbiologen und -psychologen erwartete Homogamie Stellung, die eine Vererbung der eigenen genetischen Strukturen begünstigen dürfte. Offensichtlich fallen jedoch zwei sehr gegensätzliche Partner nur einem aufmerksamen Beobachter besonders ins Auge, während sie statistisch gesehen relativ selten sind. Ausnahmen von einer deutlichen Tendenz zur Wahl ähnlicher Partner auch nach Persönlichkeitsmerkmalen fand man (Marioles u.a.) nur für zwei Typen, denn männliche ESTJs heirateten besonders häufig INFP-Frauen und ESTP-Männer INFJ-Frauen. Introvertierte männliche INFPs, INFJs und INTPs heirateten hingegen überdurchschnittlich Frauen gerade ihres Persönlichkeitstyps.

Unterschiede zeigten sich weniger für die Typenkombinationen als für die Besitzer einzelner Persönlichkeitsmerkmale. So wurden die Angehörigen der P-Typen häufiger geschieden als die der J-Typen und Extravertierte waren insgesamt mit ihren Beziehungen zufriedener als Introvertierte. Diese typspezifische Zufriedenheit lässt sich sogar noch stärker differenzieren. So waren nur ganz wenige Männer unzufrieden, wenn sie eine ENFJ- oder ENFP-Frau geheiratet hatten, während relativ wenige Frauen mit INTP-, INFP- und ISFP-Männern zufrieden waren.

Einen noch detaillierteren Blick hat das Ehepaar Paul Tieger und Barbara Barron-Tieger auf die Bedeutung der Typzugehörigkeit in Partnerschaften geworfen. Grundlage ihrer Empfehlungen sind eine Befragung von gut 1000 Personen sowie zusätzliche Tiefeninterviews. Für ihre Suche nach der tatsächlichen Zufriedenheit der Partner mit ihrer jeweiligen Typkonstellation hatten die beiden auch ein ganz persönliches Interesse. Schließlich weist ihre eigene Beziehung – er outet sich als ENFP und sie als ENFJ - zwar eine hohe Ähnlichkeit auf, unterscheidet sich jedoch gerade in der Dimension, die für viele Eheberater, die mit den Jungschen Typen und ihren Weiterentwicklungen arbeiten, die Achillesferse jeder Partnerschaft darstellt. Immerhin geht es um den Bereich, in dem Vorlieben für Planung oder Spontaneität leicht unüberbrückbare Konflikte heraufbeschwören können.

Das Forscherehepaar fand hier Ergebnisse, die die Stabilität ihrer eigenen Ehe keine negative Prognose bescherten; denn der Grad der Zufriedenheit war bei den Befragten praktisch gleich, ganz egal, ob sie auf der J-P-Skala dieselben oder unterschiedliche Typen waren.

Beziehungskonflikte ergeben sich auch nach dieser Untersuchung nicht so sehr aus der Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Typen. Sie lassen sich vielmehr nach konkreten Problemfeldern beschreiben. Hierzu zählen vor allem Störungen in der Kommunikation, Machtkämpfe, Probleme in der Intimität oder Streitigkeiten über die Verteilung von Geld und über die Zeit, die die Partner mit einander verbringen. Anders als von vielen erwartet, resultierte nur ein geringes Konfliktpotential aus religiösen oder ethnisch-kulturellen Differenzen bzw. sehr großen Altersunterschieden.

Diese Faktoren mögen zwar für die Partnerwahl wichtige Faktoren sein, sie spielen jedoch, wenn die Entscheidung trotz der Abweichungen einmal getroffen ist, für die Zufriedenheit mit der entstandenen Beziehung keine große Rolle.

Neben möglichen Konflikten ist vor allem die Übereinstimmung in zentralen Werten von herausragender Bedeutung. Einige werden dabei von fast allen Befragten geteilt. Hierzu gehören gegenseitiges Vertrauen, gute Kommunikation, gegenseitige Achtung und Rücksichtnahme sowie gegenseitige Verpflichtung und Treue. Demgegenüber waren nur für eine Minderheit von weniger als einem Drittel der Befragten gemeinsame religiöse Überzeugungen, finanzielle Sicherheit und gemeinsame Interessen wichtig.

Die Bedeutung der Werte und Inhalte einer Partnerschaft variiert jedoch recht stark zwischen den Typen, was sich an zwei Beispielen zeigen lässt. Während für 81% aller INFPs Intimität besonders wichtig ist, gilt diese herausragende Rolle nur für 52% der ISTPs. Eine ähnlich unterschiedliche Bedeutung besitzt die gemeinsam verbrachte Zeit; denn 65% der ENFJs, aber nur 18% der ESTPs halten sie für besonders wichtig. Bei Beziehungen zwischen Angehörigen verschiedener Typen besteht also immer eine Tendenz zur unterschiedlichen Bewertung und damit zur Verständnislosigkeit gegenüber den Wünschen und Empfindungen des Partners.  

Wie sieht es nun mit der generellen Zufriedenheit aus? Praktisch durchgängig führt die Homogenität zu höheren Werten, allerdings mit erheblichen Unterschieden zwischen der vier Grundtypen, die sich an Keirseys Temperamenten orientieren; denn eine Partnerschaft zwischen Beschützern - also SJ mit SJ – stellt 79% zufrieden, während es bei den Kunsthandwerkern – SP mit SP - und den Rationalen - NT mit NT - nur jeweils 59% sind. Hier empfiehlt sich für die schwierigen oder kritischen SJ- und NT-Menschen eine heterogene Beziehung, allerdings teilweise zu Lasten ihrer jeweiligen Partner, die in einer homogenen Beziehung mehr Glück erwarten können. Optimal wäre daher statistisch gesehen eine Verbindung von Kunsthandwerkern und Rationalen, die in 73% der Fälle ein positives Votum erfuhr, während vor allem von einer Partnerschaft zwischen Idealisten und Beschützern abzuraten ist, weil sie mit nur 46% Zufriedenen den schlechtesten Wert überhaupt erzielte. 

Diese nicht selten verwirrenden Blicke auf empirische Ergebnisse machen vor allem deutlich, dass man bei allen eigenen Entscheidungen die theoretischen Konzepte zur „optimalen“ Partnerwahl nur mit großer Vorsicht verwenden kann. Sie sind nicht nur widersprüchlich, wenn man etwa die Konzepte von Avila, Keirsey oder der Sozionik vergleicht, sondern bestenfalls grobe Vereinfachungen der komplexen Realität, die sich oft nur in geringen graduellen Unterschieden zeigt. Es ist daher nicht empfehlenswert, eine elementare Weichenstellung für das eigene Leben ausschließlich auf eine umstrittene Theorie und zwangsläufig fehlerbehaftete Typzuordnungen zu stützen. 

Der zentrale Wert von Persönlichkeitstypisierungen liegt hingegen vor allem in einem vertieften Wissen über die eigene Persönlichkeit, die Unterschiedlichkeit potenzieller Partner sowie über deren mögliche Beiträge zu einer kompatiblen Beziehung. Dazu können sogar gerade die widersprüchlichen Empfehlungen und empirischen Forschungsergebnisse beitragen, wenn sie dabei helfen, sich selbst darüber Klarheit zu verschaffen, was man für eine Partnerschaft sucht und ob es nicht neben einer vielleicht genetisch vorgeprägten Tendenz zu einem hohen Maß an Ähnlichkeit für eine Partnerschaft durchaus Vorteile bietet, falls eigene Schwachstellen durch die möglichen Stärken eines Partners ausgeglichen werden können und umgekehrt.

Sozionische Typisierungen im Magischen Quadrat der Liebe

Das sozionische Konzept der Ergänzung kann daher für die Partnerwahl sehr notwendige Beiträge leisten. Allerdings darf diese Vorgabe sicherlich nicht verabsolutiert werden, sondern muss als wichtiger, aber eben auch nur begrenzter Teilaspekt gesehen werden.

Zentral ist dabei der Gesichtspunkt einer theoretisch orientierten Verbindung von Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Eigenschaften, wodurch der ursprünglich Gedanke Jungs, der zwischen dominanten und rezessiven Orientierungen unterscheidet, aufgegriffen wird. Die unterentwickelten Eigenschaften, die bei einem Partner vermutlich bereits genetisch schwächer vorhanden sind, lassen sich in einer Partnerschaft ergänzen, sodass eine insgesamt starke Dyade entsteht. Eine Partnerschaft birgt somit in sich die Chance, dass sich beide Partner von den quälenden Lasten ihrer Defizite befreien und somit ihre besonderen Fähigkeiten und auch ihre Persönlichkeit insgesamt besser entfalten können. 

Für die praktische Umsetzung dieses theoretischen Konzepts besitzt das Internet-Dating große Potenziale, da nicht die Blindheit des ersten Blickes, wie sie gern als notwendiger Beginn einer romantischen Liebe ersehnt wird, zu mehr oder weniger langen Beziehungen führt, in denen sich die psychischen Ergänzungen, Konflikte und Harmonien erst ganz allmählich abzeichnen. Vielmehr besteht die Chance, zunächst auch einen Blick auf „innere“ Merkmale potenzieller Partner zu werfen, bevor dann die Sinne ihre Wahl treffen können.

Um diese Vorteile des Online-Datings realisieren zu können, stellt sich so zunächst nicht die Frage, wer der oder die Richtige ist, sondern welche Antworten auf welche Fragen zum Erfolg bei der Suche führen. Das gesamte Feld von Faktoren, die für die Qualität romantischer und intimer Beziehungen ausschlaggebend sein dürften, lässt sich mit Hilfe eines Magischen Quadrats der Liebe veranschaulichen. Eckpunkte sind:

- erotische Attraktion,

- gegenseitiges Verständnis und Empathie,

- Komplementarität, die individuelle Schwächen ausgleicht und die 

  Persönlichkeitsentwicklung erleichtert, sowie

- gemeinsame Ziele und Aktivitäten, die eine Dyade erst als Einheit erlebbar werden lassen.

Von der Persönlichkeitstheorie zur Datingpraxis

Wen die Chancen des Online-Datings und das Dualitätskonzept der Sozionik überzeugen, findet inzwischen ein entsprechendes Internetangebot. So lassen sich seit 2000 mit Hilfe von socionics.org bzw. your-ideal.com und seit März 2002 auch von socionicsdating.com Partner suchen, die ihren sozionischen Typ mitgeteilt haben. Allerdings bieten die Betreiber ihre Dienste bisher nur in Russisch und Englisch an.

Nach einem näheren Blick auf die Internetpraxis sehen die realen Chancen des sozionischen Konzepts allerdings erheblich nüchterner aus, als es viele euphorische Visionen erwarten lassen. Das zeigen zumindest statistische Auswertungen für die drei Datingseiten.

Vergleicht man einmal einige Typinformationen aus den drei Angeboten, werden sehr reale Schwierigkeiten bei der virtuellen Partnervermittlung deutlich. Und die gelten nicht nur für das sozionische Matchingkonzept, sondern auch für die der Wettbewerber. Der Unterschied liegt fast ausschließlich in der Transparenz; denn während die Sozioniker nicht nur ihre Methode, sondern auch wichtige Eckdaten publizieren, lassen die anderen Datinganbieter mit ihren „wissenschaftlich fundierten“ Matchingalgorithmen ihre Nutzer weitgehend im Dunkeln tappen.

So haben etwa die Betreiber der Seite socionics.org ein Jahr nach dem Start eine Auswertung für 650 Mitglieder durchgeführt (Blokhin/ Morozov). Eine größere Fallzahl wurde ergänzend im Januar 2004 für www.your-Ideal.com (N = 21363) und socionicsDating.com (N = 1233) ausgewertet.

A  Repräsentativität der Nutzer

 

Auffallend war zunächst eine deutliche Abweichung in der Typstruktur der Mitglieder von der in der Gesamtbevölkerung. So fanden Blokhin/ Morozov eine deutliche Überrepräsentation der intuitiven Irrationalen. Ihrer Meinung nach war dies auf die damals noch junge Sozionik zurückzuführen, wodurch entsprechend einer sozionischen Hypothese zunächst vor allem Menschen mit einer ausgeprägten Intuition angezogen werden. Generell muss man also annehmen, dass sich nicht nur Internet- und Online-Datingnutzer insgesamt, sondern auch die User eines ganz spezfischen Matchingverfahrens von der Gesamtbevölkerung unterscheiden. 

B Probleme bei der Typzuordnung 

Die generellen Typisierungsschwierigkeiten in der Sozionik wirken sich zwangsläufig auch auf das Dating aus. Das wurde durch die Vorgabe der Webseite www.socionics.org deutlich, wo die Teilnehmer bei der Frage nach ihrem Soziotyp auch mehrere Typen angeben konnten. Insgesamt waren bei einigen Typen recht viele Mitglieder über ihre Typzuordnung unsicher. Das galt etwa für die ENTj (75% Zweifler) sowie INFp und INFj mit ca. 60% Zweiflern. Insgesamt zeigten sich für die Intuitiven besonders geringe Typisierungssicherheit, da in dieser Kategorie 56% der Nutzer keine eindeutige Typzuordnung vornehmen konnten. Insgesamt war die Anteile der Mitglieder, die sich über ihren Typ sicher oder unsicher waren, fast gleich.

 

Diese Ergebnisse können überraschen, da auf der Seite vielfache Hilfestellungen für die Typisierung angeboten wurden. Allerdings scheint das nicht immer zu überzeugenden Ergebnissen zu führen. Eine Erklärung kann in der sprachlichen Fassung der Typisierungsdimensionen liegen. So scheinen etwa die Anteilswerte für die sechzehn Typen unter den russisch sprechenden deutlich von denen unter den englisch sprechenden Mitgliedern abzuweichen. Der Grund dafür muss nicht unbedingt in den unterschiedlichen Kulturkreisen liegen, sondern kann auch unmittelbar aus den jeweiligen Testangeboten resultieren. So wird etwa im russischen Angebot die N-Dimension deutlich mit einem „Träumer“ assoziiert, während sich die englische Seite stärker auf eine mehr theoretisierende Problemsicht bezieht. Und das ist nur ein Beispiel für die „richtige“ Bestimmung des Typs.

Entsprechendes dürfte auch für die Messung der Merkmale in anderen Konzepten gelten.

C Divergierende Verteilung von Frauen und Männern

Jedoch sind nicht nur die Typen ungleich verteilt, auch die Geschlechterproportion variiert deutlich. Es fällt daher schon allein wegen dieser Häufigkeitsstrukturen schwer, bei den heterosexuellen Partnerbeziehungen für jeden „Topf“ einen sozionisch passenden „Deckel“ zu finden. So waren Frauen mit den Ausprägungen Fühlen (63%), Sensorik (57%) und Extraversion (57%) unter den Nutzern des Datingportals www.socionics.org überrepräsentiert waren (Blokhin/ Morozov). Gerade in der Dimension Fühlen – Denken dürfte es sich dabei nicht um eine Verzerrung durch die begrenzte Nutzerzahl handeln, denn generell gelten Männer häufiger als Denk- und Frauen als Fühltypen, und zwar in einem Verhältnis von etwa 60 zu 40.

 

Diese Tendenz wird durch für die Zahlen von 2004 bestätigt; denn obwohl gerade im englischsprachigen Angebot die Frauen mit 39,5% insgesamt deutlich in der Minderheit sind, fehlen ihnen für einige Typen die männlichen Duale. Zwangsläufig sieht es für die Männer unter der Vorgabe dieser Geschlechterproportion bereits insgesamt schlechter aus, aber aufgrund der Verteilungsstruktur ist für männliche INFp (Dual: ESTp) und ISFj (Dual: ENTj) die Wahl einer dualen Partnerin fast unmöglich, da es nur sehr wenige weibliche Denktypen gibt.

So scheinen die Anteile der Typen unter den russisch sprechenden deutlich von denen unter den englisch sprechenden Mitgliedern abzuweichen. Der Grund dafür muss   nicht unbedingt in den unterschiedlichen Kulturkreisen liegen, sondern kann auch unmittelbar aus den jeweiligen Testangeboten resultieren. So wird etwa im russischen Angebot die N-Dimension deutlich mit einem „Träumer“ assoziiert, während sich die englische Seite stärker auf eine mehr theoretisierende Problemsicht bezieht. Und das ist nur ein Beispiel für die „richtige“ Bestimmung des Typs.

D Matchingdivergenzen

 

Die Ungleichverteilung der sechzehn Typen, wo unter den Nutzern der Datingseite www.socionics.org die Typen ENTp und INFp mit über 10% deutlich überrepräsentiert waren, führt zu rein quantitativen Hindernissen bei der Wahl eines Duals. Daher hatten es die Angehörigen dieser besonders häufigen Typen schwer, einen dualen Partner ISFp (11,3% gegenüber 6,9%) und ESTp (10,5% gegenüber 5,0% ).  

 

Wegen des hohen Männeranteils in den Daten für 2004 wirken sich diese Diskrepanzen vor allem zulasten einiger männlicher Typangehöriger aus. So hatten damals nicht einmal 20 % der INFp- und ISFj-Angehörigen die statistische Chance, einen weiblichen Dual zu finden, da weibliche Denktypen relativ selten sind.

In der konkreten Umsetzung offenbart das sozionische Dualitätskonzept somit einige Pferdefüße, da einerseits die Bestimmung des Typs nicht ohne Probleme erfolgt und andererseits für die Angehörigen einiger Typen duale Partner ausgesprochene Mangelware sind.

Allerdings dürfen die Selbsteinstufungen bei den sozionischen Typen ohnehin nicht überschätzt werden, da die kurzen Internettests zwangsläufig mit Fehlern behaftet sind, aber auch die herausgestellten Dimensionen nur Teilaspekte der Gesamtpersönlichkeit erfassen können. So verlässt sich nicht einmal der sozionische Spezialanbieter socionicdating.com ausschließlich auf die Theorie, sondern erfasst und veröffentlich neben der sozionischen Typangabe noch eine Reihe weiterer Daten, die praktisch das ganze Magische Quadrat abdecken. Der Nutzer kann so selbst entscheiden, ob er sich auf seine Duale unter den profilierten Mitglieder beschränken will oder lieber auch Kontakte zu TeilnehmerInnen beginnen möchte, die ihm auf Grund ihrer Fotos, ihrer Sozialdaten, ihrer Lieblingsaktivitäten oder auch aufgrund ihrer Sprache bei der Selbstbeschreibung bzw. der Porträtierung ihres Wunschpartners besonders gefallen. Der sozionische Typ ist also keineswegs alles, sondern nur eine wichtige Teilinformation unter einer Vielzahl anderer Profildaten.       

Zwar scheint es eine wachende Zahl von Singles zu geben, die Daten über Persönlichkeitstypen als willkommene Hilfe bei der Partnersuche ansehen, denn die Nutzer von socioncsdating.com besuchen zusätzlich vor allem die Seiten von Anbietern, die mit prinzipiell ähnlichen, wenn auch im Detail deutlich abweichenden Konzepten arbeiten. Allerdings lässt sich damit auch ein großes, rein quantitative Problem nicht umgehen; denn viele dieser Anbieter können nur auf sehr wenige aktuelle Mitglieder zurückgreifen.      

Damit werden einem Erfolg in diesem von den Informationen her so günstig gestalteten „Glücksspiel“ bereits durch die mengenmäßigen Vorgaben relativ enge Grenzen gesetzt. Gleichwohl gibt es auch bei den übrigen Anbietern, die mit fast endlosen Katalogen von Kurzprofilen ihre Internetseiten füllen, gute Möglichkeiten, die Kenntnisse über die Persönlichkeitstypen und die Sozionik gezielt bei der Partnerwahl einzusetzen. Zwar kann in diesen Fällen nicht schon eine Vorauswahl nach den entsprechenden Merkmalen erfolgen, aber schließlich lässt sich die Partnerfindung auch im Internetzeitalter ohnehin nicht mit ein paar Mausklicken und einem Suchlauf leisten. Es bleiben also in Mails, Telefonaten und ganz realen Gesprächen viele Gelegenheiten, um auch die Persönlichkeitsmerkmale kennenzulernen und in ihrer Bedeutung für eine Partnerschaft zu bewerten. Die Prinzipien von Homogenität und Komplementarität verlangen dabei keine grundsätzliche Entweder-Oder-Entscheidung, sondern eine ganz konkrete Wahl im Detail. Dieser Prozess hat dabei nicht nur einen analytisch-theoretischen Aspekt, sondern vor allem ein ganz praktischer beim Kennenlernen von Partnern. Schließlich wird niemand einen Partner lieben und gemeinsam mit ihm leben wollen, nur weil gerade eines von zahlreichen theoretischen Konzepten das empfohlen hat.  

Literatur:

Blokhin, Victor und Morozov, Mikhail, Die Seitenstatistik von "Socionic Dating",2001.

Evans, Richard I., Gespräche mit C.G. Jung und Äußerungen von Ernest Jones, Zürich 1967.

Fordham, Frieda, Eine Einführung in die Psychologie C.G. Jungs, Zürich/Stuttgart 1959.

Gulenko, Victor, Speaking different languages, striving for the same. Comparing Socionics to the American type theory, 1996.

Jung, Carl Gustav, Psychologische Typen, Zürich 1921.

Ders., Psychologische Typen, 9., revidierte Auflage, Olten/ Freiburg im Breisgau 1971 (Gesammelte Werke. Sechster Band).

Ders., Über die Psychologie des Unbewussten, Zürich 1948.

Lytov, Dmitri , Socionics: Are human relations forcastable? St. Petersburg 2002.

Marioles, N., Strickert, D. P. und Hammer, A.L., Attraction, satisfaction, and psychological types of couples,

Journal of Psychological Type, 1995, S. 10-21.

Plattner, P. , Glücklichere Ehen. Praktische Ehepsychologie, Bern/ Stuttgart 1961.

Tieger, Paul D. und Barron-Tieger, Barbara, Just Your Type, 1999.      

 

Onlinequellen:

www.eharmony.com (Nachrichten und Persönlichkeitstest des Anbieters)

www.keirsey.com (Informationen über den Keirsey-Test)

www.lovetype.com  (Informationen über die LoveTypes von Alexander Avila)

www.match.com (US-amerikanischer Online-Dating-Anbieter)

www.parship.de  (Nachrichten und Persönlichkeitstest des Anbieters)

www.socionics.org (Sozionischer Online-Dating-Anbieter in Russisch) 

www.socionicsdating.com (Sozionischer Online-Dating-Anbieter in Englisch) 

www.your-ideal.com (Online-Dating- Anbieter in Russisch)

    

 

 

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