Buchrezension

 

 

Mit ihrem Buch „Understanding The People Around You: An Introduction To Socionics“ hat Ekaterina Filatova   erstmals ein sozionisches Buch im angelsächsischen Sprachraum veröffentlicht, das in großen Teilen eine Übersetzung eines russischen Sozionik-Beststellers darstellt, der eine Auflage von über 75.000 Exemplaren erreicht hat. Damit liegt erstmals ein sozionisches Buch vor, das auch einem Leser, der kein Russisch versteht, einen authentischen Einblick in die Welt der Sozionik in ihrer östlichen Heimat gewährt.

 

Auf den ca. 170 Seiten gibt die Autorin in drei Teilen einen prägnanten ersten Überblick über die zentralen Themen der Sozionik. Im Anschluss daran findet man noch eine Abschlussbemerkung und zwei Anhänge, von denen der erste die Charaktere des weltbekannten Romans „Vom Winde verweht“ sozionisch analysiert und der zweite einen Test enthält, mit dessen Hilfe der Leser seinen sozionischen Typ selbst bestimmen kann.

 

Dem Charakter einer Einführung in die Sozionik für ein mit dieser Thematik kaum oder gar nicht vorbelastetes Publikum trägt Frau Filatova Rechnung, indem sie sich in der Einleitung und im ersten Teil auf die Jungschen Funktionen und ihre Interpretation durch Aushra Augustinavichiute, die litauische Begründerin der Sozionik, konzentriert. Dabei stellt sie die aus den Einstellungen „Extraversion“ und Intraversion“ sowie den vier Funktionen „Denken“, „Fühlen“, Empfinden (Sensorik)“ und „Intuieren“ des Schweizer Psychiaters C.G. Jung entwickelten sozionischen Aspekte mit ihren Namen, Symbolen und Manifestationen dar. Frau Filatova weicht dabei von der traditionellen sozionischen Terminologie ab und übernimmt die Jungschen Begriffe, sodass sie von Fühlen statt Ethik und Denken statt Logik spricht.

 

Besonderes Gewicht legt die Autorin in ihrer Darstellung auf die relative Bedeutung dieser acht Kombinationen aus den beiden Einstellungen und den vier Jungschen Funktionen für die einzelnen Individuen, die sich danach unterscheiden, welche Position sie innerhalb seiner Psyche besitzen. Abweichend von einer teilweise verwendeten Terminologie, die wegen ihrer begrifflichen Ähnlichkeit mit den vier Funktionen bei Jung leicht zu Verwechslungen führen kann, spricht sie dabei von Kanälen und nicht von sozionischen Funktionen. Sie beschränkt sich dabei auf die wichtigsten vier Kanäle, also die Basis- oder Programm-, die Kreativitäts-, die Rollen- und die Verletzbarkeitsfunktion. Sie benutzt damit also das Modell J, wie es unter Sozioniker in der Regel als Hinweis auf C.G. Jung, aber auch ihm zu Ehren bezeichnet wird.

 

In dieser kurzen Behandlung der sozionischen Grundlagen spielen der polnische Psychiater Antoni Kępiński und sein Konzept des metabolischen Interaktionismus keine Rolle. Das mag zwar für eingefleischte Sozioniker überraschend sein, vereinfacht aber sicherlich die Darstellung, was für einen einführenden Text nur ein Vorteil sein kann.

 

Ein besonderes Gesicht legt Frau Filatova auf die Zugehörigkeit zu den sozionischen Klubs, d.h. so genannten „beruflichen Einstellungen“, worunter in der Sozionik gemeinsame Ausprägungen in den Dimensionen Intuieren (N)/ Empfinden (S) und Fühlen (F)/ Denken (T) verstanden werden, also die Gruppierungen Praktiker (ST), Sozialmenschen (SF), Forscher (TN) und Humanisten (FN).

 

Im zweiten Teil, der von seinem Umfang her deutlich mehr als ein Drittel des Buches ausmacht, stellt Frau Filatova die sechzehn sozionischen Typen dar. In der Einzeldarstellung behandelt die Autorin dann jeweils zwei Typen gemeinsam, die sich in ihrem Programmkanal gleichen. So folgt dem introvertierten intuitiv-fühlende Introvertierte (INFp) der intuitiv-denkende Introvertierte (INTp). In der amerikanischen Ausgabe von Frau Filatovas Buch werden dabei allerdings sprachlich an die russischen Bezeichnungen angepasste Drei-Buchstaben-Codes verwendet und nicht auf die Vier-Buchstaben-Codes zurückgegriffen, wie sie der MBTI benutzt. So folgt zunächst dem IFI (intuitiv-fühlender Introvertierter) der ITI (intuitiv-denkender (thinking) Introvertierter).

 

Jede Typbeschreibung beginnt dabei mit der Skizze eines als typspezifisch angesehenen Gesichts. Und auch im Text geht Frau Filatova einleitend kurz auf das äußere Erscheinungsbild ein, wobei sie sehr vorsichtige Formulierungen wählt. Die visuelle Ähnlichkeiten von „Doppelgängern“, die auch demselben sozionischen Typ zuzurechnen sind, wertet sie als einen Beleg für eine genetische Determiniertheit der Typzugehörigkeit. Mehrere Doppelseiten mit den Fotos von Gesichtern der sechzehn Typen illustrieren zudem das Buch.

 

Allerdings ist das Äußere für sie nur ein erster Hinweis, aber keine Zuordnungsgrundlage, die sie vielmehr in den anschließend ausführlich beschriebenen Charaktermerkmalen findet, zu denen für die Autorin vor allem sprachlichen Berichte und das beobachtbares Verhalten zählt.

 

Die Eigenschaften der Typen werden jeweils bezogen auf die vier Kanäle beschrieben und durch exemplarische Beschreibungen konkretisiert. Dadurch gewinnt die Darstellung sehr an Anschaulichkeit und versöhnt auch LeserInnen, deren Interesse durch die formalen tabellarischen Übersichten mit ihrer Symbolsprache nicht besonders geweckt wird.

 

Abschließend weist Frau Filatova auf Berufe hin, die für den jeweiligen Typ besonders geeignet sind und nennt bekannte Vertreter des Typs, wobei sie abweichend von der russischen Vorlage Persönlichkeiten angibt, die auch im Westen bekannt sind. Dabei wurde sie von dem Sankt Petersburger Sozioniker Dimitri Lytov beraten.

 

In den im dritten Teil ypothesen Hbehandelten intertypischen Beziehungen sieht die Autorin den „fruchtbarsten und viel versprechendsten Teil der Sozionik“. Dabei geht sie nur kurz darauf ein, dass im sozionischen Modell die Interaktion zwischen zwei Individuen, wenn man sie auf ihre jeweiligen Typ reduziert, der Informationsfluss zwischen den Kanälen betrachtet werden muss und die beteiligten Informationssysteme dabei entweder kooperieren oder sich unterdrücken können.  

 

Im Anschluss an eine tabellarische Übersicht und Benennung der Beziehungstypen beginnt Frau Filatova die Einzeldarstellung mit der Dualität, also einer Beziehung wechselseitiger Ergänzung. Dabei geht sie auch sehr kurz auf die Quadras ein, um dann detailliert die dualen Beziehungen zwischen allen sechzehn Typen zu behandeln.

 

Anschließend werden die vierzehn übrigen Beziehungstypen deutlich kürzer dargestellt und abschließend kann jeder Leser in einer Tabelle feststellen, welchem Typ seine Beziehung zwischen ihm und seinem Partner bzw. seiner Partnerin entspricht, wenn er die beiden Typzuordnungen kennt.

 

Falls das durch die Beschreibungen im zweiten Teil noch nicht gelungen ist, lässt sich diese notwendige Typisierung mithilfe von 40 Fragen und jeweils zwei vorgegebenen Antwortmöglichkeiten am Ende des Buches nachholen.

 

In ihrem Ausblick auf die Entwicklung der Sozionik, den die Autorin in ihren Abschlussbemerkungen gibt, weist sie auf die Schwierigkeiten der Typisierung hin und nennt als einen Ausweg eine weitere Differenzierung durch Subtypen.

 

In ihrem Resümee zur praktischen Verwertbarkeit der Sozionik nennt sie neben dem Auffinden typbezogener  Stärken und Schwächen sowie einer geeigneten Berufswahl vor allem eine sozionisch reflektierte Wahl langfristiger Lebenspartner sowie der Bildung von Kleingruppen.

 

Diese Publikation ist nicht nur für alle lesenswert, die sich für Persönlichkeitstypisierungen und speziell die Sozionik interessieren, weil es sich um die erste Übersetzung eines russischen Bestsellers in eine Sprache des „Westens“ handelt. Vielmehr gibt sie einen stringente Einführung in die Thematik, da sie sich auf das Wesentliche konzentriert. Die Lektüre der notwendigerweise manchmal formalen Materie wird dabei durch zahlreiche Beispiele und Abbildungen von Gesichtern aufgelockert, wobei die Porträts nicht unbedingt als Verweis auf eine stark physiognomisch ausgerichtete Sozionik interpretiert werden müssen, sondern dem Leser stets vor Augen halten, dass nicht fast mathematische Beziehungsformeln abgehandelt werden, sondern die Stärken und Schwächen ganz konkreter Personen.

 

Wie bei jeder Einführung, die nicht ins Uferlose abgleiten will, bleiben zwangsläufig Fragen offen. Das gilt etwa für die Weiterentwicklung der Sozionik in verschiedenen Modellen und Schulen, die Behandlung empirischer sozionischer Untersuchungen und nicht zuletzt eine Auseinandersetzung mit den Kritikern der Sozionik. Es gibt also noch genügend Stoff für weitere ergänzende Sozionik-Bücher im „Westen“.

 

 

 

 

Weitere Artikel zur Sozionik:

 

Modell

Geschichte

Alltag

Ausgangsfrage

Einführung

Dualpaar Goethe

Dating

Test

Soziotypen

 

 

 

                                                                zu den Typisierungen


Kostenlose Homepage von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!